Tja, wer ist das, dieser Till Andreasberger?
Ein Schreiberling, das ist klar - zeitlebens. Druckbares produzierte er aber erst so ab dem zwanzigsten Lebensjahr. Das ist schon eine Weile her. Und was? Da wohnen zwei Seelen, ach, in seiner Brust, eine technokratische, männlich im bürgerlichen Sinne, und eine ebenfalls männliche aber mit integrierter Anima, eine mit spirituellen und philosophischen Farbtupfern, eine, in der Yin und Yang zu synergetischem Chi zusammenfließen.
Zu Zeiten, als der erstgenannte Seelenanteil dominierte, hat er mit größeren zeitlichen Distanzen - drei technische Zeitschriften herausgegeben und redigiert. Das ist hier weniger interessant.

Die anderen Zeiten, als der als zweites beschriebene Seelenanteil „an der Macht“ war, schlugen sich ebenfalls in Gedrucktem nieder, zum Beispiel in der Ende der 80er im eigenen ars amandi-Verlag herausgegebenen Literaturzeitschrift eros & psyche. Die war der Zeit ein wenig voraus und musste nach nur vier Ausgaben wieder eingestellt werden, hat aber in ihrer kurzen Vegetationszeit ein paar hübsche Blüten in die geneigte Leserschaft gebracht. In jeder Ausgabe gab es ein Essay von Till Andreasberger. Diese vier hat er dann mit weiteren themenverwandten Essays in der Anthologie Weiblich, männlich, androgyn (Bremen 1990) veröffentlicht.
Wie man sich denken kann, war das alles nicht der Beruf, mit dem er seine Brötchen und Bratkartoffeln verdiente, allenfalls vielleicht den Nachtisch. Sein Brotberuf hatte mit Sprachkenntnissen zu tun (hauptsächlich Französisch und Spanisch, manchmal auch Englisch) und führte ihn häufiger in die zugehörigen Länder.
Till Andreasbergers emotionaler Bildungsgang fing so richtig an, nachdem ein Beratungsgespräch bei einem Ehetherapeuten die Notwendigkeit der Sezession klar gemacht hatte. Das Buch Mut zum Glück aus der Feder eben dieses Therapeuten war die Seekarte für eine langjährige Odyssee, in der die Häfen der Zwischenstationen weibliche Vornamen trugen. Persönliches Wachstum, Spiritualität und männliche Identität inklusive der sexuellen, das sind die Themen, die im Logbuch dieser Reise die meisten Seiten füllen. Die letzten Häfen vor dem Ziel hießen La Massilia (auf Lanzarote) und Tamera (in der Nähe von Faro, Portugal).
Auf der ersten Seite des Logbuches stand Till Andreasbergers Wahlspruch, den er in dem Buch Die offene Ehe von George und Nena O’Neill gefunden hatte:
Selbstverwirklicher sind schöpferische, unabhängige und realistische Menschen mit einem vitalen Interesse am Leben und an der Entwicklung der Persönlichkeit, Menschen, die ihre Begabungen, ihr Leistungsvermögen und ihre Möglichkeiten voll ausschöpfen und sich die Fähigkeit bewahren, frisch und naiv das Schöne im Leben mit Ehrfurcht, Vergnügen, Erstaunen und sogar Entzücken zu genießen. Vor allem aber sind diese Menschen zu einer Liebe ohne Besitzansprüche fähig.
Das ist das Motto, dem er bis heute treu geblieben ist, wenn auch so mancher weitere Wahlspruch im Laufe der Zeit hinzu gekommen ist. Davor, im neuen Heimathafen faul vor Anker zu dümpeln, bewahrt ihn beispielsweise ein Satz aus Hermann Hesses Stufen:
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Wie alt mag er sein, dieser Till Andreasberger? Er sagt es jeder und jedem, die/der ihn fragt, auf den Kopf zu ohne kokettierendes „Na, was schätzt du?“ Aber ins Netz gehört das nicht.
![]()
Und wo kommt er her? Die preußische Königin Luise verhandelte einst in seinem Geburtsort mit Napoleon - auf ihre Weise - über günstige Friedensbedingungen. (Napoleon schreibt in seinen Memoiren, dass er dem Reiz der Königin fast erlegen wäre, wäre nicht der König hinzugekommen und hätte alles vermasselt). Weil ein deutscher „Führer“ meinte, es Napoleon gleich tun zu müssen und ebenfalls in Richtung Moskau vorstieß, gehört die Stadt heute Ironie der Weltgeschichte zu Russland. Von diesem Ort, den er als Vierjähriger verlassen musste, träumte Till Andreasberger jahrzehntelang in tränenreichen Wiederholungsträumen, die erst endeten, als er mehr als vierzig Jahre später - in Bremen seine Wahlheimat gefunden hatte.
Auch die hat er, mehr oder weniger freiwillig, wieder verlassen und ist nun zwölfte Station seiner Tausend-Kilometer-Westwanderung am Ostrand des Ruhrgebietes gestrandet.
Favourites:
*Infolge Freiwilliger Selbstkontrolle sind einige Topoi unterschlagen oder „entschärft“ worden