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Button Was haben Peter Lauster und Hermann Hesse mit Französisch Guayana und Sibirien zu tun?

Ein Mini-Essay zum Thema Freiheit und Autonomie

 

Nur ein freier Mensch kann wirklich tolerant sein, denn er ist gegenüber Kritik anderer an seiner Lebens- und Entfaltungsweise stabil, weil er sich bewusst ist, dass nur er über sich selbst entscheiden kann, nur er die Motive seines Verhaltens wirklich kennt und kein anderer Einblick haben kann. Aus: Lebenskunst rororo-Ausgabe S. 188

Wir sollten nicht von der Autonomie und Freiheit träumen, sondern den Sprung wagen und überprüfen, was danach kommt. Es übersteigt das Vorstellungsvermögen. Man muss vom Dreimeterbrett ins Wasser springen, um zu erleben, dass die Angst davor unbegründet ist. Erst danach kann man lachen und sich über das Erlebnis freuen, nicht davor. Aus: Lebenskunst rororo-Ausgabe S.190

Das zweite Zitat schrieb ich einmal einer Frau, die mir beschrieben hatte, welche Probleme sie damit hat, das zu tun, was sie schon seit langem tun möchte. Sie möchte sich ein Recht heraus nehmen, etwas zu tun, was ihr Mann nicht unterstützt. Daher dachte ich, dieses Zitat aus Peter Lausters Lebenskunst könne ihr helfen. Und was schrieb sie zurück? „Und wenn ich dabei einen Bauchklatscher mache?“

Selbstverständlich kann man beim ersten Sprung vom Dreimeterbrett auch mit dem Bauch aufschlagen und das tut sehr weh. Ich spreche aus Erfahrung. Wenn man ein Auto besteigt, kann man in einen Verkehrsunfall verwickelt werden. Und? Wen hält das davon ab, in ein Auto zu steigen? 

Wenn ich dieses Zitat von Peter Lauster lese, in dem es um die Sehnsucht nach Freiheit und Autonomie geht, fallen mir immer zwei Bücher ein:  Papillon von Henri Charrière und Soweit die Füße tragen von Josef Martin Bauer. In beiden Tatsachenromanen geht es um einen Menschen, der sehr fern von seinem Heimatland in Gefangenschaft ist: Der Pariser Papillon in Französisch Guayana (Karibik) und der Kriegsgefangene Forell am hintersten Ende von Sibirien.

Warum sind sie dort? Papillon ist ein kleiner Gauner aus dem Rotlichtmilieu vom Place Pigalle, dem ein Mord in die Schuhe geschoben wird, den er nicht begangen hat und Forell ein Soldat der Deutschen Wehrmacht, die Russland überfallen hat. Je nach Standpunkt und Perspektive könnte man also sagen, dass sie unschuldig eingesperrt sind oder dass sie irgendetwas dazu beigetragen haben, in diese Situation zu kommen.

Beide haben eine hohe Zahl von Mitgefangenen,  denen es in der Hauptsache darum geht, sich mit dem Schicksal arrangieren und das Leben in der Gefangenschaft so angenehm wie möglich zu organisieren. Forell und Papillon hingegen denken Tag und Nacht an nichts anderes als an die Freiheit und wie sie wiederzuerlangen wäre. Gegen die Gefahren, die ihnen beim Ausbruch aus einem Straflager drohen, ist der Bauchklatscher beim Sprung von Dreimeterbrett eine lächerliche Lappalie. Und sie machen ihre Bauchklatscher, weil der erste Ausbruch bei beiden misslingt und sie fürchterlich bestraft werden, etwas, was auch uns beim Ausbruch aus einer unerträglichen Lebenssituation passieren kann.

Forells zweiter Ausbruch gelingt, aber der Weg vom Ostende Sibriens durch die ganze Sowjetunion bis nach Deutschland ist lang und voller Hindernisse und Gefahren. Und er kommt durch. Papillon erreicht die Freiheit erst beim vierten oder fünften Versuch. Aber er erreicht sie.

Beide Bücher sind Abenteuerromane, die sich spannender lesen als jeder fiktive Krimi. Und für diese Bücher gilt in besonderem Maße ein Satz von Hermann Hesse: Bücher sind nicht dazu da, unselbstständige Menschen noch unselbstständiger  zu machen, und sie sind noch weniger dazu da, lebensunfähigen  Menschen ein wohlfeiles Trug- und Ersatzleben zu liefern. Im Gegenteil. Bücher haben nur dann einen Wert, wenn sie zum Leben führen und dem Leben dienen und nützen, und jede Lesestunde ist vergeudet, aus der nicht ein Funke von Kraft, eine Ahnung von Vergnügen, ein Hauch von neuer Frische sich für den Leser ergibt.“ Alle diese Bedingungen sind bei den beiden genannten Büchern gegeben. Wer sie lesen hat und sich von dem aus ihnen strömendem Feuer hat entfachen lassen, der wird Peter Lausters Aufruf, den Sprung in die Freiheit und Autonomie zu wagen, gewiss bald befolgen können. TA.

 

 

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